Wir Sind Helden setzen beim Engagement alles auf Anfang

in Musiker an Aug 25, 2010

Viele Songs von Wir Sind Helden regen zum Nachdenken an. Sei es wie bei ’Guten Tag’ zum Beispiel über zuviel TV-Konsum und eine zu zahme Revolution oder bei ’Die Konkurrenz’ über den Verlust gesellschaftlicher Ideale. Auf dem neuen Album ’Bring Mich Nach Hause’ hält sich die Band diesmal scheinbar mit politischen Ansagen zurück – was sie aber nicht daran hindert, sich trotzdem für eine bessere Welt zu engagieren.

Alles - im grünen Bereich! Mark und HolK sind schon ein paar Helden

Alles - im grünen Bereich! Mark und HolK sind schon ein paar Helden

„Ich empfinde das als ein sehr schönes Attribut, als konsumkritische Band wahrgenommen zu werden“, freut sich Bandmitglied Mark Tavassol darüber, dass ihm und seinen Mitstreitern Judith Holofernes, Pola Roy und Jean-Michel Tourette noch immer häufig ein politisches Bewusstsein unterstellt wird. „Es ist interessanterweise so, dass das eher von unserer ersten Platte herrührt. Wir hatten aber immer auch schon diese persönliche Seite. Das wird jetzt – vielleicht auch durch das Wegfallen von politischeren Themen – kontinuierlich sichtbarer, da die Texte persönlicher geworden sind.“

Als erste Single haben sich Wir Sind Helden allerdings dann doch für einen Songtext entschieden, bei dem es um mehr als eine zwischenmenschliche Beziehung geht. Der eine mag es als Aufruf gegen das ewige Lamentieren verstehen und seinen Worten Taten folgen lassen, der andere Religionskritik darin erkennen.

Zumindest wird es nicht als uneingeschränkt positiv gewertet, wenn alle Wünsche plötzlich erfüllt würden: „Stell dir vor, dass Erlösung nicht nur für Religiöse wär. Rigorose Engel kämen, die richtig böse wären./ Wenn du sonst keinem glaubst, würdest du glauben, wenn sie sagten: ’Schau, wir fixieren deine Schrauben’./ Wenn sie sagten: ’Wir nehmen dir deine Krücken’./ Sag, würdest du tanzen – oder dich danach bücken?“

Gefahr im Anflug – von bösen Engeln und Wespen

Vielleicht handelt es sich ja bei den in ’Alles’ beschriebenen Engeln auch um Business Angels. Somit könnte das Stück sogar als Reaktion auf die Finanzkrise gesehen werden, wo viele Anleger falschen Propheten gefolgt sind, ihnen alles geglaubt und am Ende alles vergeben haben. Ein bisschen passt zu der Interpretation des Songtextes, dass als Bonus-Stück auf der Single noch das politisch zu verstehende ’Die Wespe’ enthalten ist. Zumindest betont Judith Holofernes deutlich, dass ihr Schwarz-Geld nicht gefällt: „Ob das an den Farben liegt? Ich mag das Tier nicht, das da fliegt./ Nein, ich mag die Wespe nicht. Die Wespe sticht, die Wespe sticht.“

Mark findet jedoch, dass bei ‘Alles’ eher ein Szenario nach dem Motto ‘Was wäre, wenn’ zu sehen ist: „Stell dir vor, es funktioniert alles, was du willst. Oder es funktioniert gar nichts. Durch so eine radikale Vorstellung bekommst du ein Gefühl dafür, wie wichtig oder unwichtig Sachen sind, die du immer haben wolltest. Eine solche Deutung meinerseits geht aber fast schon zu weit, denn die Texte sind ganz bewusst etwas abstrakter gehalten, denn es ist doch eine Freude, eigene Interpretationsmöglichkeiten selber herauszuziehen.“

Wer Kohlendioxid säht, wird Sturm ernten

Die Texte von Sängerin Judith Holofernes sind wirklich noch immer vielschichtig genug aufgebaut, um zwischen den Zeilen eigene Interpretationen zu suchen. So ist ’Im Auge Des Sturms’ vielleicht einfach ein schönes Bild für eine Liebe, die das Chaos drum herum ausblendet: „Der Sturm peitscht turmhohe Wellen in Pfützen, reißt Dackel von Leinen, stiehlt Kinder und Mützen. / Macht Halt und brüllt nach dir. Aber du bist hier bei mir. / Still im Auge des Sturms.“

Wer will, kann aber bestimmt die Ursache für die in den Lyrics poetisch beschriebene Naturgewalt auch im Klimawandel sehen. Immerhin sind viele Experten davon überzeugt, dass wenn die Erde sich erwärmt, die Anzahl an Extremereignissen steigen wird.*

Es ist schon erst fünf vor zwölf

Eindeutig politisch gemeint ist dagegen ’23.55: Alles Auf Anfang’. In den Lyrics rät Judith Holofernes dazu, sich keinen Bären aufbinden zu lassen, sondern mal seine Meinung kundzutun. Unabhängig davon, was es letztendlich dann bringt. Auf den Versuch kommt es jedenfalls an: „Ob das vom Bein haut, das wäre nur zu klären, wenn die kleinlauten kleinen Leute im Kleinen deutlich lauter wären./ Ihr sagt: ’Kein Ende in Sicht’. Wir sagen: ’5 vor 12, alles auf Anfang’!“

Mark stellt dazu klar, dass sie hier natürlich nicht als Motivationstrainer falsch interpretiert werden wollen: „Bei ‘Alles Auf Anfang’ ist es nicht so zu sehen, dass wir jetzt zum Ärmel hochkrempeln auffordern. Ein zentraler Satz, der den Zynismus in diesem Text ganz gut trifft, ist ‘Du nennst es Weltschmerz, ich nenn es Attitüde’. Es geht um dieses Beschweren, obwohl derjenige eigentlich nicht wirklich leidet.“

Zudem glaubt Mark zuerst einmal, dass er als Künstler die Welt nicht verändert. Wenn er die Gesellschaft verändern wollen würde, dann kann das auch durch andere Sachen geleistet werden: „Es ist wichtig, ein Bewusstsein für bestimmte Wahrnehmungen und Werte zu schaffen. Wir sind als Band dafür da, um mit Musik und Wort zu spielen für die Leute, die aus demselben Holz geschnitzt sind und sich mitgenommen fühlen. Und diese vielleicht zu inspirieren, aber nicht im Sinne einer pädagogischen Komponente.“

Wasser auf die Mühlen: Wenn Kreise sich schließen

So findet er es zum Beispiel schöner, mit Infos über Viva Con Agua auf der Website etwas in diese Richtung zu lenken. Das ist eine subtilere Art zu helfen, obwohl ihm die Trinkwasser-Initiative tatsächlich ans Herz gewachsen ist: „Wasserversorgung ist ein großes Thema in Ländern, in denen sauberes Trinkwasser nicht selbstverständlich ist. Es ging erst über eine eher profane Leidenschaft, das Fußballspielen, los. Ich wurde gefragt, ob ich bei einem Spiel von Viva Con Aqua gegen die Kaizer Chiefs mitmachen würde, für das noch Musiker als Mitspieler gesucht wurden. Da hat es sofort gefunkt und ich fing an, meine Band in die Überlegungen einzuspannen, was wir für Viva Con Agua tun könnten.“

Nahe liegend war es natürlich, dass Wir Sind Helden Konzerte für die Organisation gespielt haben. Über solche Benefiz-Veranstaltungen ist aber vor allem bei Mark der Wunsch gewachsen, sich stärker zu engagieren. Besonders beeindruckt war er von dem persönlichen Engagement vieler Unterstützer, die dafür zum Teil andere Karrieremöglichkeiten an den Nagel gehangen haben: „Die wahnsinnig zielstrebige und sympathische Art, dieses Programm voranzutreiben, hat Viva Con Acua wirklich zu etwas werden lassen, das tatsächlich was bewegt. Es werden Brunnen gebaut. Ich habe selbst eine Projekt-Reise nach Madagaskar mitgemacht, wo ich mir die Zusammenarbeiten mit der Welthungerhilfe vor Ort angeschaut habe. Das war sehr schön, die Leute zu treffen, die davon profitieren. Da hat sich für mich ein Kreis geschlossen.“

Mehr Infos unter: http://www.wirsindhelden.de

*Die Studie ’Berechnung der Wahrscheinlichkeiten für das Eintreten von Extremereignissen durch Klimaänderungen – Schwerpunkt Deutschland’ vom Umweltbundesamt zeigt zum Beispiel, dass „…mit den beobachteten Klimaänderungen des Industriezeitalters, die meist in Form relativ langfristiger Trends beschrieben werden, auch Änderungen der Häufigkeit und Intensität von Extremereignissen verbunden sind.“

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