Ohrbooten finden Solarboote mehr als OK12.23.09

Mit ihrem dritten Album innerhalb von vier Jahren sind die Ohrbooten nicht nur relativ fleißig, sondern 2009 auch recht erfolgreich unterwegs gewesen. ‘Gyp Hop’ schaffte es bis auf Platz 60 der deutschen Album-Charts. Mindestens genauso wichtig ist aber, dass es ordentlich live abgeht. Gerade wurde bekannt gegeben, dass am 28.12.2009 aufgrund der großen Nachfrage noch ein Zusatzkonzert in Berlin stattfinden wird. Warum ich euch das erzähle? Weil die Ohrbooten was zu sagen haben – zum Klimawandel, dritter Welt und… Solarboot fahren.

Wenn Noodt (links) und Matze von den Ohrbooten was zu sagen haben, sollte genau hingehört werden

Wenn Noodt (links) und Matze von den Ohrbooten was zu sagen haben, sollte genau hingehört werden

Die Ohrbooten wollen mit ihrer Musik nicht nur unterhalten, sondern auch Mißstände auf dieser Welt verändern. Aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einem Augenzwinkern. Schließlich sind sie ein Teil des Ganzen und können sich selber nicht davon frei machen. Obwohl sie genau das allen Hörern mit den Lyrics von ‘Stadtstaub’ raten: „Schau über den Tellerrand, erste Welt, dritte Welt, Schwellenland./ Spende Geld, wenn es brennt, Flächenbrand./ In der Hand und im Geist./ Es wird Zeit, dass du dich befreist.“

Aber da sie halt wissen, wie schwer es ist, aus dem System einfach auszubrechen, gibt es da auch noch das Stück ‘Es Ist OK’. Gitarrist Matze erklärt den Ansatz bei dem Songtext so: „Sich zwischendurch locker zu machen und sich einzugestehen, dass du nicht alles sofort verändern kannst, ist ok. So gute Ideen es auch gibt, der Großteil der Leute ist nicht bereit, etwas Revolutionäres zu machen wie auf völlig andere Rohstoffe zu setzen. Wahrscheinlich müssen wir, auch wenn es schlimm klingt, erst noch ein paar Katastrophen erleben, bevor wirklich gehandelt wird. Da ist es bestimmt hilfreich, nicht zu resignieren und auch mal zu sagen, guck du mal ruhig fern!“

Wobei wohl jedem Hörer schnell klar wird, dass sie zwar alles positiv ausdrücken, es aber etwas anders meinen, wie die erste Strophe im duften Berliner Jargon zum Beispiel zeigt: „Fernsehen ist jut für die Augen, darum schalt ick die Glotze niemals ab./ Immer schön kieken und staunen und dit den lieben langen Tag./ Zucker ist jut für die Zähne und dit am besten karamellisiert./ Für jesunde und kräftige Gene essen wir ab heute nur noch genmanipuliert.“

Matze nennt das Stück eine Art Anti-Song, denn es wird ja alles sehr ironisch auf die Spitze getrieben: „Du kannst ein sorgenfreies Leben führen, wenn du alles so machst, wie es dir suggeriert wird und du darauf scheißt, was es für globale Probleme gibt. Da gibt es nichts zu essen oder die Ressourcen werden knapp? Egal, so lange hier meine Dusche heiß ist und ich einen Fernseher habe, geht es mir doch gut.“

Bassist Noodt ergänzt, dass sie eben nicht so drauf sind, bloß zu sagen, wie scheiße das alles ist: „Wir wissen, dass nicht alles richtig läuft. Aber es nützt nichts, hier eine Apokalyse auszurufen. Uns geht es darum, das Ganze humorvoll zu nehmen und trotzdem zu sagen, dass die Leute da mehr hingucken sollen.“

Genau hingeguckt haben sie selber übrigens, als sie im Sommer mit einem Solarboot gefahren sind. Noodt war jedenfalls so begeistert, dass er im Interview quasi richtig die Werbetrommel dafür rührt: „Es war schon ziemlich cool, auf diesem Boot zu sitzen und zu sehen, wie es funktioniert. Der Kapitän hat da viel zu erzählt. Toll ist, dass es total leise ist. Wir haben uns auch gefragt, als wir auf dem Boot waren, warum das nicht mehr Leute machen. Die großen Schiffe, die ihre Rundfahrten mit den Touris machen, könnten auch mit Solarenergie betrieben werden. Die Technik ist da. Es ist vielleicht am Anfang etwas teurer, aber der Treibstoff wird ja auch nicht billiger. Wenn da umgedacht würde, könnte die Umwelt- und Lärmbelastung durch die Schiffe erheblich gesenkt werden.“

Seht ihr, die Jungs haben was zu sagen. Und zu hören sind sie dieses Jahr noch live in folgenden Konzertsälen:

26.12.09 Kiel – Die Pumpe
27.12.09 Rostock – Mau Club
28.12.09 Berlin – Lido
29.12.09 Augsburg – Musikkantine
30.Aschaffenburg – Colos Saal

Mehr Infos unter: http://www.ohrbooten.de

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Jan Delay plädiert auf neuer CD für strategischen Konsum und Umweltschutz08.14.09

Nein, ein Blatt hat Jan Delay noch nie vor den Mund genommen. Zu Beginn seiner Musikerlaufbahn in den frühen Neunziger Jahren engagierte er sich mit expliziten Texten gegen Polizeistaat, Rechtsradikale – und die Umweltverschmutzung in ’Planet 2000’. Fast zwei Jahrzehnte später setzt er sich auf seiner dritten Solo-CD ‘Wir Kinder Vom Bahnhof Soul’ noch immer für eine bessere Welt ein – ohne das bei ihm der Spaß zu kurz kommt.

Bestes Beispiel dafür ist die Single ‘Oh Jonny’. Zum fetten Party-Sound appelliert er ohne erhobenen Zeigefinger an das Gewissen seiner Hörer. Soll doch jeder den Lyrics nach machen, was er will, wenn er damit leben kann: „Nenn meine Mudder eine miese Schlampe./ Besitze keine Energiesparlampe./ Oh Jonny! Aber hast du kein Gewissen./ Oh Jonny! Ja, dann kannst du dich verpissen!“

Jan Delay unterstützt HolK bei der Aktion 'Coal for Obama'

Jan Delay unterstützt HolK bei der Aktion 'Coal for Obama'

Dass er selber natürlich auch nicht immer alles richtig macht, ist ihm schon klar. In gewisser Weise versucht er sogar mit dem Stück, den eigenen Schweinehund zu besiegen: „Ich bin ja auch Jonny. Im Prinzip singe ich von mir selber. Das ist mir ganz wichtig – auch generell. Ab ‘Mercedes Dance’ habe ich damit angefangen, mich da nicht mehr auszuschließen.“

Wichtig ist ihm aber auch, vor allem einige andere Leute nicht mehr auszuschließen. Schließlich will er was vermitteln, um einen bestimmten Effekt erreichen: „Ich will Haltungen und Ideale vermitteln. Deshalb habe ich versucht, vieles allgemeiner zu halten, um wirklich alle möglichen Hörer zu erreichen. Wenn zum Beispiel zu hochgestochene Metaphern benutzt werden, für die du bestimmte Sachen kennen musst, um den Gag zu verstehen, erreicht dich die Botschaft vielleicht nicht.“

Keine Sorge, so deutlich wie zum Beispiel bei ‘Kommando Bauchladen’ hat er schon lange nicht mehr Kritik geübt. Da wettert er gegen unter anderem Don Aldi, Bruder Kamps, Onkel H und M, denn von ihnen wurde Tante Emma der Gar ausgemacht. Ihn stören die Uniformität der Klamotten und die Qualität der Lebensmittel. Im Songtext heißt es dazu: „Und nehmt euch euer Industrie-Gemüse./ Schiebt’s euch in euren marktführenden Arsch./ Jetzt is’ Schluss, ihr macht minus, werdet büßen./ Denn Kommando Bauchladen ist angesagt!“

Jan Delay ist davon überzeugt, dass jeder selbst den Markt beeinflussen kann – durch strategischen Konsum: „Mir ist immer wichtig, dass ich mein Bio-Obst und -Gemüse am Start habe. Dafür gehe ich in den Bio-Laden. Für mich sind aber auch Bio-Supermarktketten eine korrekte Sache. Das hat quasi nichts mit dem zu tun, was ich da anprangere in ‘Kommando Bauchladen’. Darin geht es mir eher um diese komplette Gleichschaltung des Konsumverhaltens.“

Dass er sich mit solchen Songtexten auf dünnes Eis begibt, nachdem er früher zum Beispiel in einem Lied dem ‘King Nike Air’ gehuldigt hat, ist klar. Da droht natürlich der obligatorische Telefonanruf von Herrn Schlaumeier-Mongo, der schon bei ‘Füchse’ und ‘Ich Möchte Nicht, Dass Ihr Meine Lieder Singt’ scheinbare Ungereimtheiten angeprangert hat. Diesmal meint er Folgendes: „Ja, hallo, ich wollt mal sagen, du laberst hier rum wegen den Konzernen, dem bösen Scheiß, und dann sieht man dich immer nur in Nike.“

Mit diesem Dilemma geht Jan Delay aber auf seine ganz eigene Art um: „Ich komme damit vollkommen klar. Ich liebe Widersprüche und Gegensätze. Ich bin auch ein Freund der Unersthaftigkeit. Warum können wir nicht mit Witzen demonstrieren, die wir mögen, aber ihr vielleicht nicht? Wir sind eben auch Genuss- und Spaßmenschen. Wir wollen ja selber nicht vertrocknen und verdörren. Wir sind ja trotzdem da für dieselbe Sache und haben trotzdem ein Gewissen. Aus dieser Einstellung heraus entsteht sowohl so was wie ‘Oh Jonny’ aber auch eine gesamte Grundeinstellung für einen selbst, was das Leben und das Entertainment angeht.“

Und weil bei Jan Delay auf die Worte auch Taten folgen, hat er keine Sekunde gezögert, bei einer Aktion namens ‘Coal for Obama mitzumachen. Die Initiative fordert einen globalen New Green Deal und möchte, dass dafür Kohle-Päckchen an alle möglichen Regierungsoberhäupter geschickt werden. Also hat Jan Delay ein Kohle-Brikett eingetütet für die Bundeskanzlerin.

Dokumentiert wurde das Ganze durch Filmemacher Albert Heiser von ‘Creative Game’. Natürlich wurde von Jan Delay noch eine Botschaft mit auf den Weg gegeben: „Ich bin mir auch nicht zu schade dafür, mir mal meine Hände so richtig schmutzig zu machen. […]. Weil einfach mit anderen Dingen Energie gewonnen werden kann und muss als mit dieser Scheiß-Kohle!“

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